Aschaffenburg 06021 22169 • München 089 189 754 79 astrid@neuy.eu

ADHS und Depression

Psychische Erkrankungen sind bei ADHS deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Dies gilt insbesondere für Angsterkrankungen und Depressionen. Über 80 % der erwachsenen ADHS-Betroffenen leiden an einer seelischen Begleiterkrankung, 60 % sogar an mehreren. ADHS ist somit ein Risiko für die Entwicklung aller weiteren seelischen Erkrankungen. Dabei steigt das Risiko für die Entwicklung einer Depression sogar mit dem Alter an. Es werden bis zu zehn Mal häufiger Depressionen bei ADHS-Betroffenen beobachtet.

Warum hat ADHS eine so auffallend hohen Häufigkeit an Begleiterkrankungen?

Sicherlich gibt es hier auch eine erbliche Komponente. Es wurden erbliche Gemeinsamkeiten zwischen ADHS, Depression, manisch-depressiver Erkrankung, Migräne und Autismus gefunden. Die genauen Zusammenhänge sind aber aktuell noch unklar.

Was wir aber sehr genau wissen ist, dass ADHS Betroffene schon von Kindheit an, bedingt durch ihre ADHS -Symptome, häufigere Erfahrungen von Misserfolgen, Niederlagen und Ablehnung durch andere erfahren. Auch ADHS-Kinder strengen sich an. Sie wollen aufmerksam und in der Schule erfolgreich sein. Sie erleben aber jeden Tag, dass sie unruhig und getrieben sind, nicht stillsitzen können und dass sie schon wieder etwas gesagt haben, dass sie besser für sich behalten hätten. Sie nehmen sich nicht vor, ihre Mitmenschen zu ärgern, aber ihre angeborene Störung der Gefühlskontrolle führt immer wieder dazu, dass sie emotional entgleisen, die Kontrolle verlieren und andere verletzen. So rutschen sie immer mehr ins soziale Abseits und verstehen das überhaupt nicht.

Was wir alle brauchen- ganz besonders junge Menschen in ihrer Entwicklung – ist die Erfahrung, erfolgreich zu sein und Schwierigkeiten zu bewältigen. Es reicht leider nicht aus, dass Eltern ihren Kindern ihre Liebe zeigen und sie darin bestätigen, erfolgreiche und wichtige Menschen zu sein. Für die Entwicklung des eigenen gesunden Selbstwertgefühls braucht der Mensch selbst erarbeite Erfolge. Diese machen glücklich. Erfolge zementieren mit der Zeit ein gutes Selbstwertgefühl. „Ich kann mich auf mich verlassen“, „ich bin in der Lage Schwierigkeiten zu bewältigen“, „ich kann etwas leisten“, das sind wichtige Erfahrungen, die jeder Mensch braucht, um sich selbst annehmen und wertschätzen zu können.  Wenn ich mir etwas vornehme und es mir gelingt mein Ziel auch erfolgreich umzusetzen, dann schaffe ich mir damit ein Punkt auf meinem Erfolgskonto. Wenn ich viele Erfolgspunkte habe, dann kann ich stolz auf mich sein und das macht mich glücklich und widerstandsfähig gegen Kritik und die unausweichlichen kleinen Misserfolge des Lebens.  Ich schaffe mir damit aber auch Punkte auf meinem Selbstwertkonto und je mehr Punkte ich mir mit der erfolgreichen Bewältigung von Aufgaben erarbeitet habe, desto stabiler und besser ist mein Selbstwertgefühl und desto glücklicher und zufriedener bin ich mit meinem Leben.

Die unaufmerksamen ADHS-Betroffenen, besonders die ADS-Frauen, haben viel zu wenige Erfolgserlebnisse, weil sie sich nicht durchkämpfen und durchsetzen können. Es fällt ihnen so schwer, den Biss, die Disziplin und die Beharrlichkeit zu entwickeln, die sie bräuchten, um ihre Ziele zu erreichen. Sie geben zu schnell auf oder sie erreichen wegen ihrer Langsamkeit nicht ihr Ziel in der vorgegebenen Zeit. Es fehlt ihnen die Energie, zu kämpfen und sich durch Schwierigkeiten hindurch zu quälen. Sie nehmen sich etwas vor und schaffen es nicht. Diese Erfahrungen schaffen Negativ-Punkte auf dem Erfolgskonto und diese Misserfolge machen unglücklich. Die negativen Punkte auf dem Selbstwertkonto schaffen Selbstzweifel bis hin zu Selbsthass.  Die Folge sind Resignation, Frustration und Mutlosigkeit. Diese Erfahrungen nähren die Depression.

Oft wird auch von Therapeuten nicht gesehen, dass die so sehr an sich selbst zweifelnden ADHS-Betroffenen sich ihre Unfähigkeit und ihr Scheitern nicht einbilden: Diese Misserfolge sind Realerfahrungen in ihrem Leben. Es ist dann nicht zielführend, in der Therapie diese Misserfolge umdeuten als „zu ehrgeizig“ und „zu hochgesteckt Ziele“ oder aber das Scheitern kleinzureden. Wirkliche Hilfe für ADHS-Betroffene ist: Sie zum Erfolg zu befähigen. Sie brauchen die Erfahrung von Selbstwirksamkeit im Sinne von: „ich schaffe das“ und „ich stelle mich den Herausforderungen und bewältige meine Schwierigkeiten“.

Psychotherapien können bei ADHS über lange Jahre wirkungslos bleiben, sie können sogar schädlich sein. Wenn zum Beispiel ADHS-Betroffene in der Psychotherapie ihre Kindheit bearbeiten, ihr inneres Kind wachsen lassen, Selbstoptimierungs-strategien lernen und trotzdem keinen Erfolg im Beruf haben, dann verstärkt das ihre Depression. Sie möchten ihr Leben in den Griff bekommen, stolz auf sich sein können, erleben sich aber immer wieder als unfähig und ungenügend.  Sie finden in einer solchen Therapie keine Erklärung dafür, dass ihnen es so schwer fällt aufzupassen, sich selbst zu organisieren und Aufgaben rechtzeitig anzufangen und zu Ende zu bringen. Sie finden keine Ursache in ihrer Kindheit, die erklärt, warum sie dünnhäutig, ablenkbar, sehr empfindlich und kränkbar sind und warum sie immer wieder überreagieren. Sie erfahren nicht, dass die Ursache ihrer Erschöpfung und ihres chronischen Versagens neurobiologisch und genetisch ist, ADHS heißt und erfolgreich behandelt werden kann.

Oft werden auch nur die Begleiterkrankungen diagnostiziert und die zugrunde liegende ADHS gar nicht erkannt. Damit werden wichtige Therapieoptionen verschenkt. So mancher Psychotherapeut lässt sich dann nach der hundertsten Stunde Psychotherapie eher dazu hinreißen, solche Patienten als therapieresistent abzustempeln, statt die eigene Diagnose in Frage zu stellen. 

Ein wirklicher Durchbruch in der Behandlung der Betroffenen zeigt sich oft erst, wenn die Diagnose ADHS gestellt wird.  Erst dann können Betroffene verstehen, dass sie nicht unfähig und dumm sind, sondern eine „erbliche Sonderedition“ darstellen, eine besondere Art zu sein haben. Es ist oft so eindrucksvoll, wie beglückend es für ADHS-Betroffene ist wenn sie endlich die Erfahrung machen, dass sich der Nebel um sie herum auflöst und sie handlungsfähig und erfolgreich werden. Sie erleben das oft wie ein Wunder, an das sie gar nicht mehr geglaubt hätten. Sie können oft erst unter Medikation sehen, welches Potenzial an Kreativität, Spontaneität und Flexibilität in ihnen steckt und dass sie dieses auch für sich nutzen können.

Leider bleiben ADHS-Betroffene oft bis ins mittlere Erwachsenenalter unerkannt, vermutlich die meisten sogar ein Leben lang.  In einer erst 2019 veröffentlichen Studie der Deutschen Krankenkassen wurde deutlich, dass nur 0,2 % der Erwachsenen in Deutschland als ADHS-betroffen diagnostiziert sind. Wir wissen aber, dass etwa 3,5 bis 4 % der Gesamtbevölkerung von ADHS betroffen sind. Das bedeutet, dass aktuell nur jeder zwanzigste ADHS-Patient richtig diagnostiziert und behandelt wird. In einer Fachpraxis sind mindestens 20 % der Patienten ADHS-Betroffene. Sie bekommen jedoch andere Diagnosen und keine störungsspezifische Behandlung.

Viele depressive Entwicklungen könnten vermieden werden, wenn die Diagnose ADHS gestellt würde, bevor die Abwärtsspirale von Misserfolgen, Entmutigung und Resignation sich in Gang setzt. Mit einer störungsspezifischen Behandlung kann sehr oft ADHS-Betroffenen sehr gut geholfen werden.

Was mich bei meinen psychiatrischen und psychotherapeutischen Kollegen immer wieder erstaunt ist, dass sie sich nicht über ADHS fortbilden. Zwanzig Prozent ihrer Patienten sind betroffen. Sie unterlassen es somit, die Kompetenz zu erwerben, jeden Fünften ihrer Patienten richtig zu behandeln. Und nicht zuletzt verpassen sie auch viele eigene Erfolge als Arzt, denn ADHS ist das dankbarste Krankheitsbild in der Psychiatrie. Bei keiner anderen psychischen Erkrankung kann Betroffenen so schnell und so nachhaltig geholfen werden wie bei ADHS. Viele Betroffenen gelingt es nach Diagnosestellung und richtiger Therapie ihrem Leben eine gute Wende zu geben und erfolgreich zu sein.

Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz

 

Literatur:

Prof. Dr. Sarah Kittel-Schneider , Nervenarzt 7/2020

Prof. Alexandra Philipsen , Nervenarzt 7/2020

Prof. ester Sobanski, Nervenarzt 7/2004

Prof Heiliger, dt- Ärztebaltt 2008

Libutzki et al, review 2019

Chen et al 2018,